ABSTRACT
"Expertengremien der Bundesregierung. Fakten, Fiktionen, Forschungsbedarf", in: Zeitschrift für Parlamentsfragen Heft 3, Jg. 2003, S. 483-504
Die Beratung der Bundesregierung durch Expertengremien - wie z.B. Expertenkommissionen,
Beiräte, Sachverständigengruppen, Task Forces - wird in den letzten
Jahren verstärkt öffentlich diskutiert und häufig kritisiert.
Klare politikwissenschaftliche Aussagen zu diesen Einrichtungen fehlen jedoch,
was nicht zuletzt an der geringen Formalisierung der Politikberatung in Deutschland
liegt.
Der vorliegende Aufsatz untersucht die Rolle von Expertengremien im
politischen Prozess. Ergebnisse der bisherigen Forschung werden im Kontext
einer Auswertung der so genannten Gremienbesetzungsberichte der Bundesregierung
und einer inhaltsanalytischen Untersuchung der Medienberichterstattung über
Expertengremien in Deutschland bewertet.
Dabei wird ein Auseinandergehen
zwischen der Berichterstattung und der realen zahlenmäßigen Entwicklung
von Expertengremien festgestellt: Seit 1998 ist die Berichterstattung massiv
angestiegen, während die Zahl der Gremien schon seit Ende der 1970er
Jahre rückläufig ist.
Dieses Phänomen wird aus dem vorherrschenden
Framing des Regierungsstils einer „konsensorientierten“ Bundesregierung erklärt,
das durch starke Personalisierung auf den Kanzler Gerhard Schröder verstärkt
wird. So sind Expertengremien auch als Medienereignis mit ausgesprochener
Themenkonjunktur zu verstehen.
Aufbauend auf diesen Erkenntnissen werden
Forschungshypothesen für eine qualitativ orientierte Untersuchung von
Expertengremien entwickelt. Es wird eine Sichtweise empfohlen, die anhand
von komparativen Fallstudien die Bedeutung von Expertengremien der Bundesregierung
im politischen Prozess betrachtet, und besonders auf die Machtverhältnisse
zwischen Parlament und Regierung achtet.
Um die Vergleichbarkeit von Fallstudien
zu unterstützen, wird eine Typologie von Expertengremien vorgestellt
und eine einheitliche Begrifflichkeit vorgeschlagen.